Frühlingssonne im Herbst.


"Setz alles auf eine Karte. Lass nichts unversucht, gib immer mehr, als du hast. Verzichte auf Absicherungen. Atme tief ein, bevor du den Mund aufmachst. Greif nach den Sternen. Sei schonungslos. Leg dich mit der Welt an. Und vergiss niemals, dass schreiben dir hilft, tausend Dinge festzuhalten, die dir ständig wie Sand durch die Finger rinnen: die Kindheit, Gewissheiten, Städte, Zweifel, Träume, Augenblicke, Sätze, Eltern, Liebschaften. Die Lektion habe ich mir gemerkt."
(Salman Rushdie)

Sätze, die es wert sind, festgehalten zu werden. Sätze, die zu lesen ich genossen habe. Wie ein magisches Buch, ein Guide für die Zukunft. Entschlüsse, die sich während des Lesens nebulös im Kopf formen. Kraft, die man aus den Worten zieht, welcher man sich sicher ist, dass man sie noch gut gebrauchen wird. Eine Wohltat. Ein geschriebener warmer Sonnenstrahl des Frühlings mitten im Herbst. Und doch...
Diese Traurigkeit. Die Erinnerungen, nun aufflackernd, wie ein kleines Lämpchen des Alarms. Oft hast du es vermutet, nun bestätigen es dir die kleinen schwarz auf weiß gedruckten Buchstaben. So viele Fehler bereits bisher gemacht, niemand ist unfehlbar. Doch nicht die Absenz der Unfehlbarkeit stört, sondern die Verantwortung. Man hat Angst vor der Zukunft, weil man weiß, dass man für die Taten, die dann vergangen sein werden, die Verantwortung tragen muss. Hätte ich anders gelebt, wenn ich dies bereits vor ein paar Jahren gelesen hätte? Hätte ich mich daran gehalten, wie an einen ehrenvollen Kodex, dessen Bruch zur Verdammnis führt? Hätte ich überhaupt die Möglichkeit gehabt, mich daran zu halten? Wir werden es nie erfahren.
Die Lektionen, die ich damals nicht kannte - hätten sie für mich existiert, würde mein Leben nun anders aussehen. Andere Farben, andere Formen, ein anderes Gefühl. Setze alles auf eine Karte, verzichte auf Absicherungen. Du hast noch nie alles auf eine Karte gesetzt, Madame. Deine Feigheit, die Angst, ins Verderben zu rennen, hat dich in ihren Käfig gesperrt. Atme tief ein, bevor du den Mund aufmachst. Wie viel Schmerz hätte gespart werden können. Greif nach den Sternen. Waren sie dir nicht schon immer zu weit weg? Du zu klein, um an das Himmelszelt heranreichen zu können? Leg dich mit der Welt an. Einer gegen alle - oft gefühlt, nie befolgt. Vergiss niemals zu schreiben. Ja, ich denke, dies ist das einzige, das ich bisher unentwegt getan habe. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, ihr seid das Publikum der Szenen, die von mir nicht vergessen werden möchten.

30.9.11 18:12